Heute wollen wir uns ein paar Gedanken zur Bildgestaltung machen. Als Einstieg dazu ein paar Skizzen mit Beispielen dafür, was ich als harmonischen Schwingungen bezeichne:

Der Ausdruck "harmonische Schwingungen" lässt wohl eher an die Harmonielehre aus der Musik denken denn an Bildgestaltung, aber es geht eben hier wie dort um Kurven. Ein reiner Flötenton zum Beispiel hat wenn man seine mathematische Funktion anschaut die Form einer Sinuskurve. Und nehmen wir dann einen zweiten Flötenton hinzu, welcher mit dem ersten harmoniert, so sehen wir, dass sich auch in den zugehörigen Sinuskurven Harmonien ergeben. Entspricht der Tonabstand zum Beispiel einer Oktave, so hat die Sinuskurve des höheren Tones exakt doppelt so viele Kurven. Seit Jahrtausenden fasziniert diese Überlappung von Harmonie und Mathematik, von Sinnlichkeit und Sinn, von Fühlen und Denken die Künstler und Philosophen auf der ganzen Welt. Das hat Anlass zu teilweise sehr blümeranten Spekulationen gegeben, so schwärmten einige, die Welt sei von Gott in solcher Perfektion erschaffen worden, dass alle Sphären harmonisch zusammen geigten. Mathematik hatte eine quasi-religiöse Bedeutung, da man meinte, sie offenbare die göttlichen Gesetze.
Man hat natürlich auch versucht, in der bildenden Kunst so etwas wie eine Harmonielehre aufzustellen, entsprechende Abhandlungen sind dort aber eher unter dem Begriff "goldener Schnitt" zu finden. Le Corbusier, der schweizerisch-französische Architekt, glaubte zum Beispiel, dass der menschliche Körper solche harmonischen Proportionen enthalte. In der Folge begann man Gebäude zu bauen, deren Breite zur Höhe im selben Verhältnis steht wie der Oberarm eines Menschen zu dessen Unterarm.
Der goldene Schnitt im engeren Sinne ist aber geometrisch-mathematisch definiert und lässt sich mit dem Verhältnis 1.618 beziffern - aber so genau wollen wir das jetzt gar nicht wissen. Wir werfen jetzt nämlich einfach alles in einen Topf, rühren kräftig um und lassen es auf kleiner Flamme einkochen.
Wir haben das natürlich schon ein bisschen vorbereitet (wie es in den Kochsendungen immer so schön heisst), und bei unserem Eintopf ist folgendes heraus gekommen:
Eine Harmonielehre der Kurven des weiblichen Körpers, welcher sich für solche Studien als besonders dankbar erweist.
Man müsste ein extremer Nerd sein, um jetzt auch hier nach mathematischen Formeln zu suchen, aber auch das wurde schon gemacht. Wir hingegen wollen uns einfach mal von der Anschauung her dem Thema annähern.
Abbildung 2 zeigt vier "Kurven", die (mit Ausnahme der zweiten Kurve) durch fünf Punkte definiert sind. Diese Kurven werden Splines genannt. Der erste Spline ist der Lineare-Spline, das ist einfach die gerade Verbindung der fünf Punkte. Die zweite Kurve ist ein Bezier-Spline, bei welchem die Möglichkeit besteht, die Linie nicht nur durch Punkte sondern zusätzlich durch Radien (Mehrzahl von Radius) zu bestimmen.
So kommen schon Rundungen ins Spiel, aber wer viel mit Bezier-Kurven arbeitet, der weiss, dass sie oft nicht so harmonisch geraten. Dieses Problem taucht vor allem auf, wenn man viele Ankerpunkte setzen muss (zweiter Spline). Durch eine Reduktion der Ankerpunkte entsteht eine gleichmässigere Form (dritter Spline). Bei den jeweils aktivierten Punkten in Bezier-Spline 1 und 2 sind die schwarzen Griffel sichtbar, mit denen Radius und Richtung angepasst werden können. Aber auch die nicht aktivierten Punkte verfügen über Radius und Richtung.
Am harmonischsten jedoch sieht die vierte Kurve aus, die dem sogenannten B-Spline entspricht. Diese Linie ist zwar auch nur durch fünf Punkte definiert, aber die Linie geht nicht zwangsläufig durch die Punkte hindurch. Es ist eher so, wie wenn die Kurve magnetisch wäre und von den Punkten angezogen würde, aber auch eine gewisse Festigkeit hätte, und deshalb ein bisschen Widerstand leisten würde.
Es gibt natürlich eine mathematische Formel für B-Splines, anders könnte ein Computerprogramm wie Cinema 4D (mit dem diese Abbildung erstellt wurde) keine solchen Splines anfertigen (Photoshop kann leider so oder so keine B-Splines ziehen, dort hört der Spass bei der Bezier-Kurve auf).
Wie man solche harmonischen Schwingungen in der Aktfotografie für die Bildgestaltung nutzen kann, veranschaulichen folgende Bilder, deren Linienbilder wir bereits am Anfang gesehen haben (vergleiche Abbildung 1):
Aber was hat das überhaupt noch mit Erotik zu tun? Falls Sie zum Beispiel ein heterosexueller Mann sind und schon einemal das Vergnügen hatten, einer Frau nahe zu kommen, wird Ihnen vielleicht aufgefallen sein, dass diese Art der Begegnung mit einigen Vorzügen aufwarten kann, die auch das beste Erotik-Bild kaum zu bieten vermag: Die Wärme des Körpers, die Sanftheit der Haut, der Geruch der Haare, der Klang der Stimme, das Geräusch des Atems überhaupt die Einmaligkeit des Augenblickes. Falls es Ihnen gelingt, sich ganz Ihrer Verzückung hinzugeben, werden Sie des weiteren bemerken, wie sich die ganze Umgebung zu einer harmonischen Komposition zusammenzufügen beginnt. Es mag eigentlich recht zufällig sein, was gerade am Radio gespielt wird. Auch ob es regnet oder nicht und wie das Licht zum Fenster herein fällt wird abhängig sein von Tages- und Jahreszeit und vom Wetter - aber all das erscheint Ihnen jetzt nicht länger als ein beliebiges und bedeutungsloses Zusammenspiel zufälliger Ereignisse, nein, es drängt sich vielmehr der Eindruck auf, dass alles so sein muss, dass alles perfekt ist, so wie es ist die Eingangs erwähnten Schwärmer mit ihrem harmonischen Sphärenklang mögen sich in einem ähnlichen Bewusstseinszustand befunden haben.
Voilà. Und wir als Künstler haben jetzt die Aufgabe, ein greifbares Unterpfand eines solch flüchtigen Augenblicks einzufangen. Schwierigkeiten sind da durchaus zu erwarten, aber man darf vielleicht auch anmerken, dass nicht nur das Gelingen, sondern auch das Scheitern an dieser Aufgabe einen künstlerischen Stil ausmachen kann.
Das also ist der wahre Grund, warum wir die Haut am Computer weichzeichnen: So versuchen wir, die Berührung der Haut, diese unendliche Weichheit, bildlich darzustellen.
Aber was ist mit den anderen Sinnen? Wie könnte man die Wärme des Körpers bildlich umsetzen? Ich versuche das zum Beispiel, indem ich für die Tiefen und für die Mitteltöne (daraus besteht ja meistens der Körper) "warme" Farben (gelb bis orange) wähle, die ich dann durch kühle (blau bis cyan) Höhen kontrastieren lasse. Es gibt in meinen Bildern viele Ausnahmen hierzu, aber wenn Sie sich einmal achten, werden sie oft das Schema "warme Tiefen, kühle Höhen" erkennen.
Dann weiter. Was ist mit dem Geruch? Wie kann man ein Bild "parfümieren", das ja blöderweise nur aus Punkten verschiedener Farbe besteht? Hier spielt die Wahl des Models eine Rolle. Und was ist dann noch mit der plötzlichen Harmonie eines besonderen Augenblicks? An dieser Stelle kommt jetzt eben die harmonische Gestaltung der Linien und des Bildes als Gesamtes ins Spiel, womit wir wieder zum eigentlichen Thema dieser Abhandlung zurück kehren.
Dass man es auch übertreiben kann, zeigt das letzte Bild. Die Linien hier mögen recht gut den harmonischen Schwingungen eines B-Splines entsprechen, der Körper wurde aber dadurch entstellt. Der linke Arm müsste an mindestens vier Stellen gebrochen sein, um eine solche Form zu erlangen. Wie aber die vorherigen Beispiele verdeutlichen, besteht für solche Gewaltanwendung meistens keine Notwendigkeit, obschon natürlich auch bei diesen die Pose korrigiert wurde.
Add Media
Style