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December 19, 2010
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Der süsse Wahnsinn der zwischenmenschlichen Anziehung

Im Alltag ist unser Denken meist instrumentell. Wir tun Dinge, um damit etwas zu erreichen. Wir gehen zur Arbeit, damit wir Geld verdienen können. Wir stehen am Morgen auf, damit wir zur Arbeit gehen können. Wir gehen am Abend bei Zeiten zu Bett, damit wir am Morgen aufstehen können. All das sind instrumentelle Handlungen, Mittel zum Zweck.
In diesem Zusammenhang ist es vielleicht interessant, sich zu überlegen, woher das instrumentelle Denken kommt. Studiert man das menschliche Verhalten, so fällt auf, dass vieles davon in rudimentären Formen schon bei Tieren angelegt ist. Gesang und Tanz sind aufschlussreiche Beispiele. Gibt es das bei den Tieren auch? Nein, beides ist eine menschliche Kulturleistung. Und trotzdem singen und tanzen auch Tiere, besonders wenn es um das Balzverhalten geht.
Grillen zirpen, um Sexualpartner anzulocken, viele Vogelarten vollführen einen Balztanz,  offensichtlich aus demselben noblen Anlass. Fortpflanzung funktioniert nur mit einem Partner, also muss ein solcher angelockt werden. Sogar Blumen duften nur aus diesem Grund, obwohl man hier anmerken muss, dass Pflanzen seit jeher sehr sesshafte Lebewesen sind, was dem Anlocken von Sexualpartnern naturgemäss enge Grenzen setzt. Als Pflanze kann man nicht schnell in den Nachbarsgarten pilgern, um sich dort zu holen, was für die Fortpflanzung nötig ist. Also haben die Pflanzen ein bemerkenswertes Kurier-System erfunden, bei welchem Insekten als Boten auftreten. Die Pracht der Blütenblätter, der Duft des Nektars - all das ist nur dazu da, um die Insekten-Kurierdienste anzulocken, welche dann freundlicherweise die Befruchtung übernehmen. Man könnte fast meinen, dass alles, was wir Menschen als "schön" bezeichnen, irgendwie aus dem Kreis der Fortpflanzung stammt. Blumen, Musik, Mode - alles kann man auf diese Weise interpretieren. Merkwürdig ist allerdings, dass Menschen ausgerechnet ihre Geschlechtsteile als nicht besonders schön einstufen. Ein Hodensack ist für die meisten einfach ein schrumpfliges Stückchen Haut, dessen Behaarung ebenso spärlich wie drahtig ausfällt. Ich weiss nicht, ob die Menschheit überlebt hätte, wenn man alleine damit einen Partner anlocken müsste.
Obschon die Insekten nicht gerade unsere nächsten Verwandten im Tierreich sind, greifen auch Männer gerne auf Blumen zurück, um potenzielle Partnerinnen zu umwerben – der Anblick der Geschlechtswerkzeuge scheint dagegen eine eher abschreckende Wirkung zu haben ...

Aber ich schweife ab. Eigentlich wollte ich damit ja nur zeigen, dass menschliche Verhaltensweisen oft eine Entsprechung im Verhalten der Tiere haben. Aber wenn sich die Kunst aus dem Balzverhalten heraus entwickelt hat, woher kommt dann das instrumentelle Denken? Woher kommt die Vernunft?
Ich sage: von der Angst. So wie das Balzverhalten der Tiere der Ursprung von Kunst sein mag, so ist vielleicht das Angstverhalten der Ursprung der Vernunft: Aus Angst wurde Vorsicht, aus Vorsicht wurde Voraussicht, aus Voraussicht wurde Vernunft, aus Vernunft wurde instrumentelles Denken.
Es besteht kein Zweifel, dass wir Menschen der Vernunft viel zu verdanken haben. Ohne instrumentelles Denken könnten wir nicht überleben. Und trotzdem hat dieser Modus einen grossen Nachteil, der sich aus seiner stammesgeschichtlichen Herkunft ergibt.
Aus der Angst entsteht nämlich niemals Lust, sondern höchstens Vermeidung der Angst. Und auch aus der Vernunft entsteht keine Lust - sondern leider immer noch nur Vermeidung von Angst. Die Vernunft besitzt ganz einfach diese Kraft nicht, sie kann dieses Gefühl nicht erzeugen, diese Entgrenzung, diese Erfahrung der Ganzheit.
Dazu braucht es mehr als Vernunft. Dazu braucht es ein Denken, das über den Schatten der Angst springen kann.

Unser Professor für Pathopsychologie hat einmal gesagt: Verliebtheit ist die einzige Form von Wahnsinn, die sozial akzeptiert ist.
Ergänzend sollte man vielleicht hinzufügen: Wir brauchen diesen Wahnsinn dringend, den nur dadurch können wir uns lösen aus dem Korsett der Angst. Vernunft wird immer nur die Isolation reproduzieren, der sie entstammt. Das ewige Trauma der Evolution.
Aber wenn man nicht nur überleben will, wenn man darüber hinaus auch noch leben will, dann braucht man eine um den Wahnsinn erweiterte, sozusagen „ganzheitliche“ Vernunft - dann braucht man den süssen Wahnsinn der zwischenmenschlichen Anziehung.

Denn darum sind wir Meschen, weil "Fortpflanzung" für uns nie nur der Versuch ist, sich wie eine Pflanze zu benehmen. Für uns ist es immer auch der Versuch, aus unserer Isolation auszubrechen und etwas zu erleben, das jenseits unserer Beschränktheit liegt. Nie öffnen wir uns so sehr, als wenn wir verliebt sind, und nie sind wir stärker auf das zurückgeworfen, was wir wirklich sind. Auch sexuelle Erregung kann einen Modus im Gehirn aktivieren, der das Gefühl der Isolation überwindet. Und darum lieben wir, darum leiden wir, darum leben wir. Amen.
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:iconwictb:
Ein sehr guter Punkt!
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:iconval-mont:
Val-Mont May 19, 2013  Professional Photographer
Danke für diese tolle Ausführung - habe sie nur überflogen aus Zeitmangel, werde mich aber demnächst mit etwas Zeit wieder herbegeben.
LG Val
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:iconpsychothrone:
Toller Text :) Vielleicht braucht "man" Vernunft, Angst und Verrücktheit aber weniger trennen. Wenn ich eine Angst überwinden will, geht das oft durch das Zusammenspiel von Liebe und Vernunft. Ich weiß, dass ich Leute habe, zu denen ich gehen kann, wenn etwas schief gehen sollte. Ich weiß, dass meine Angst mir etwas sagen will, ich sie aber überwinden kann. Wenn ich also genug Vernunft und Liebe spüre, dann kann ich auch Angst haben und trotzdem weitermachen, trotzdem mein Vorhaben versuchen. Aus der Angst wird dann nicht selten eine (positive) Aufregung.
Gegen Angst vor der Angst :peace:
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:iconlost-n-damned:
Ich finde deine Ausführung logisch auf den Punkt gebracht!! 10/10 Punkten!!!

Nur eine Anmerkung: Was hat es mit dem Amen auf sich? Ich hoffe doch nichts in religiöser Hinsicht? Das würde den Glanz deines Essays ruinieren!
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:iconambizio:
Man, ich bin facebookgeschädigt... Wo ist der Like-Button? ;-)
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:iconx-rey:
netter gedankengang :D allerdings bin ich de rmeinung dass liebe allein nicht reicht um aus dieser angst auszubrechen. es gibt viele die selbst in der liebe so viel angst haben, dass die libe unerfüllt bleibt. oder die libe hilft einem auch nicht aus der isolation weil man schon so sehr isoliert ist, dass selbst die liebe übversehen wird.
an dieser stelle braucht es mut.
mut um seine angst und isolation zu überwinden. das kann mitunter sehr schwer sein und sehr lange dauern, zumindest nach meiner erfahrung. manchmal klappt es nicht wirklich, selbst wenn man es versuch, weil man wiede rin den alten trott gerät.
an dieser stelle braucht man kampfgeist bzw. willenskraft. wenn man sich nur treiben lässt, bringt das einen nicht weiter.
leider nützten diese ganzen erkenntnisse noch lange nichts, wenn man es einfach nicht schafft sie umzusetzen :D
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:iconstefangrosjean:
da geb ich dir recht!
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:iconx-rey:
yup. für mich wirds langsam mal zeit rauszufinden wie ma des ganze umsetzt :D
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:iconaquamen1983:
Ich denke, dass du die Romane von Milan Kundera sicherlich mögen würdest.. vor allem 'Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins'. Was du da hier geschrieben hast ist von Anfang bis Ende wahr.. ich hab jetzt darüber wirklich nachgedacht.. schockierend, auf eine ganz merkwürdige, aber angeneheme Weise.
Danke!
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