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September 26, 2010
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Was ist Kunst und worin besteht ihre Aufgabe? Im Mittelalter hätte man vielleicht gesagt: In der Nachahmung der Natur. Das Denken der Menschen war damals von der Vorstellung geprägt, dass es in der Welt grundsätzlich zwei Sorten von Dingen gibt: Die Natur, das Natürliche und von Gott Geschaffene einerseits, sowie die Kunst, das Künstliche und von Menschen Geschaffene andererseits.
Während Jahrhunderten galt der Ehrgeiz der Künstler dem edlen Ziel, die Natur so gut wie möglich zu imitieren. Doch durch die Erfindung der Fotografie vor über hundert Jahren änderten sich die Bedingungen schlagartig. Jetzt war da eine Maschine, welche die Natur anscheinend präziser nachahmen konnte als jeder Maler.
Aber warum eigentlich wurde die Fotografie erst im 19. Jahrhundert erfunden und nicht schon früher? Natürlich weil die nötigen technischen Verfahren erst dann verfügbar wurden – würde man denken. Die "Camera Obscura" war aber schon seit dem 13. Jahrhundert bekannt und manche Kunsthistoriker behaupten denn auch, dass es einen anderen wichtigen Grund für das Aufkommen der Fotografie gibt, nämlich die Erstarkung des Bürgertums in jener Zeit.
Es war diese gesellschaftliche Entwicklung, so die These, die nach einem "objektiven" bildgebenden Verfahren verlangte, welches, anders etwa als die Malerei, die Dinge vermeintlich exakt so wiedergibt, wie sie tatsächlich sind.
Das Objektiv der Kamera begann fortan den Pinsel des Künstlers abzulösen und Portraits und andere Abbilder wurden immer häufiger nicht mehr von Malern angefertigt, sondern von Fotografen.
Unter den Künstlern machte sich aber auch eine gewisse Ernüchterung breit. Jetzt, wo die Nachahmung der Natur kein Problem mehr darstellte, erkannt man, dass damit auch Dinge verloren gingen.
Deshalb erteilte sich die Kunst eine neue Aufgabe: Die Darstellung des Nicht-Fotografierbaren, die Abbildung des Unsichtbaren. Also kamen die Impressionisten und zerlegten jeden Eindruck in eine zitternde Ansammlung farbiger Tupfer. Und dann kamen die Expressionisten und verlegten jeden Ausdruck in die Wiederholung abstrakter Muster.
Und dann kamen in Europa leider die Nazis und verbrannten beides als entartete Kunst. In der Aufarbeitung der Vergangenheit durch die Nachkriegsgeneration erhielten die Künstler dann eine neue Aufgabe. Die moderne Kunst sollte nun vor allem Eines: irritieren. Kunst sollte die Leute aufwecken aus ihrem dogmatischen Schlaf. Denn erst die Taubheit der Menschen, so dachte man, hat den Nährboden für den Faschismus geliefert.
Während in Europa von der Kunst noch immer erwartet wird, dass sie eine Irritation provoziert, ist  die Nachahmung der Natur zum gesamtgesellschaftlichen Programm erhoben worden. Die sogenannt "freie" Marktwirtschaft wird als ein quasi-natürliches System angepriesen, welches nach ähnlichen Prinzipien funktioniere, wie sie von Darwin in der Evolutionstheorie beschrieben wurden: Der Bestangepasste überlebt in der Natur, der Konkurrenzfähigste setzt sich am Markt durch. Der Unterschied zwischen Naturgesetzen und sozialen Gesetzen droht nicht erkannt zu werden.
Bei so viel auferlegter Natürlichkeit kriege ich als Künstler vor allem auf eines Lust: auf eine unbekümmerte Künstlichkeit. Dank der digitalen Fotografie gibt es heute so etwas wie  "impressionistische Fotografie", eine Fotografie, die nicht auf Dokumentation objektiver Gegebenheit ausgerichtet ist, sondern einen Eindruck oder eine Stimmung wiedergeben will. Es ist der Einzug der Fantasie und der emotionellen Tiefe in das ursprünglich mechanische Wesen der Fotografie, und es hinterfragt den bürgerlichen Anspruch, dass der einzige Zugang zur Wirklichkeit über eine alphabetische Katalogisierung der Wissbarkeiten zu bewerkstelligen ist.
Digitale Fotografie (einschliesslich der Bildbearbeitung am Computer) ermöglicht gewissermassen die Fotografierung des Nicht-Fotografierbaren, die Darstellung des Unsichtbaren.
Stellen sie sich als Beispiel vor, Sie sind verliebt in jemanden. Ihr Herz beginnt schon im Hals zu klopfen, wenn Sie nur ein Foto der geliebten Person sehen. Nun zeigen Sie das Foto einem Freund, aber der ist nicht verliebt und sein Herz bleibt unbewegt.
Und nun beginnen Sie nach Möglichkeiten zu suchen, den Eindruck, der die geliebte Person auf Sie macht, irgendwie mit auf das Bild zu bringen – und so entsteht impressionistische Fotografie.

www. stefangrosjean.com
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:iconriickard:
riickard Oct 4, 2010  Professional Traditional Artist
me too german dat is
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:iconnaranjito72:
Buff Mr Grosha, debo volver a leerlo, aunque me recuerda al libro "La Fotografia" por Susan Sontag.
Yo solo puedo hablar por mi; la fotografia refleja la realidad, refleja lo que está delante del objetivo. Obvio, en post-producción podemos añadir, quitar, deformar... pero ese elemento delante del objetivo siempre será real. Ahora bien: ¿No seremos los fotógrafos, o a los que nos gusta la fotografía, demonios jugando a ser dioses? Podemos trnasformar esa realidad y deformarla a nuestar conveniencia, tal vez, buscando una no realidad.
No me tome muy en serio, solo divagaba un poco.

Really interesting the article, didn´t see the english version, but with the web tools it wasn´t a problem. Good to see someone ask for a little effort.
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:iconluftatmer:
Wow, das ist wirklich großartig! Bisher habe ich mich teilweise geschämt für die Künstlichkeit der digitalen Fotografie. Aber nur durch diese Neuinterpretation der abgebildeten Realität kann man die Eindrücke mit einbinden, die (mich) ja zur Fotografie bewegen!
Ich habe wieder lust auf die "unbekümmerte Künstlichkeit" ;)
Danke!
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:iconkaiohan:
Kaiohan Sep 27, 2010  Student Photographer
Interessanter Ansatz, gefällt mir.
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:icongoorooj:
wow, ein augenöffner. grossartig geschrieben. danke. :clap:
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:iconmagickalisch:
Magickalisch Sep 26, 2010  Hobbyist General Artist
Wow, toller Artikel. Darf ich den evtl zitieren? Natürlich werde ich dich als Autor nennen.
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:iconstefangrosjean:
Klar. Danke für die Anfrage. Stefan
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:iconxpsychwardx:
What is art and what is their role? In the Middle Ages would have probably said that in the imitation of nature . The thinking of people at that time was influenced by the idea that in the world basically two kinds of things are : nature , the natural and created by God on the one hand , and the art of the artificial and the other part of creation human.
centuries, what the ambition of the artist to the noble aim nature to mimic as much as possible. But by the invention of photography over a hundred years, the conditions changed abruptly . Now that was a machine that nature could mimic seems more accurate than any painter.
But why the photograph was not until the 19th Century earlier invented and not ? Of course , because The Necessary technical procedures were not available until then - think one would . The "Camera Obscura "was already in the 13th Century , Largely some art historians claim because even that there is another important reason for the emergence of photography , Namely the Strengthening of the bourgeoisie at that time.
It was this social development , according to the thesis, Which Demanded on "objective "imaging , Which , unlike the painting , Which things supposedly reflects exactly as they really are.
The lens of the camera began from then on the brush of the artist to replace, and portraits and other images were Increasingly no longer drawn by painters , but by photographers.
Among the artists set out but broadly then a certain disenchantment . Now that the imitation of nature posed no problem , recognized we that so some things were lost .
Therefore, granted the art is a new task : the representation of the non - photographed , the image of the invisible . So did the Impressionists and dissected every impression in a trembling collection of colored swabs. And then came the Expressionists , and laid each term in the replay of abstract patterns.
And then came in Europe , unfortunately the Nazis, and burned both as degenerate art. In dealing with the past by the postwar generation, the artists were then given a new task . Modern art should now be above all this: confused. Art should people wake from their dogmatic slumber . It 's only the numbness of the people, it was thought, has provided the breeding ground for fascism .
While in Europe the art nor expected ever that it provoked to irritation , the imitation of nature is raised to the overall social program . The so - called "free "market economy is being touted as a quasi - natural system, Which Operates under similar principles as described by Darwin in the theory of evolution: survival of the fittest in nature , the most competitive is in the marketplace. The difference between natural laws and social laws in danger of being recognized.
With so much imposed naturalness I get as an artist , especially in a comedy : a carefree artificiality . will have Thanks to digital photography it today reflect something like " impressionistic photography , "a photograph that is not focused on documentation of objective fact , but an idea or a mood . It is the river of imagination and emotional depth in the original mechanical nature of photography , and it questions the civil claim that the only access to reality through in alphabetical compilation of the know ability Achieve it.
Digital photography ( including the image processing on the computer ) makes a certain extent, the taking pictures of not photographed , the representation of the invisible .
Imagine as in example , you are in love with someone. Your heart starts in your throat beating when you see only a photo of the loved one. Now you show the photo to a friend , but he 's not in love and his heart will remain unmoved .
And now you begin to ways look for to give the impression that makes the beloved person to you , bring something to do with the image - and this creates impressionistic photography .

www . stefangrosjean.com
 this is the english version
Reply
:iconemberfan57:
EmberFan57 Sep 26, 2010
Me, too.
Reply
:iconbrucebachand:
BruceBachand Sep 26, 2010  Hobbyist Photographer
I wish I read German ;-)
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